Was 1988 mit einer Idee begann, wiederholt sich heuer zum 29. Mal: Folke Tegetthoff präsentiert das INTERNATIONALE STORYTELLING FESTIVAL, das erstmals an vier Standorten in Österreich stattfindet. Neben der Steiermark sind auch Oberösterreich, Niederösterreich und Wien Schauplätze für Europas größtem und Österreichs einzigartigem „Festival der erzählenden Künste“. Das Publikum erwartet neben der klassischen Erzählkunst auch ungewöhnliche Formen des Geschichten Erzählens wie Figurentheater, Pantomine, Clownerie oder Tanz.

Nachdem meine Heimatstadt Graz einer der Schauplätze des Festivals war, durfte ich mir als ein Bild von dem bunten Rahmenprogramm machen. Ich muss sagen, es war MÄRCHENHAFT in die Welt es Zuhörens, Entschleunigens und des Genießens einzutauchen.

Als krönenden Abschluss traf ich DEN Märchenerzähler und Veranstalter des Festivals, Folke Tegetthoff, mit dem ich mich über Mode und Lifestyle unterhalten durfte.

seite

© Lumikki Photography

Herr Tegetthoff, ihre Märchen behandeln so unterschiedliche Themen wie die Liebe, das Glück und vieles mehr. Würden Sie auch ein Märchen über so etwas „alltägliches“ wie die Mode schreiben, wie zum Beispiel Hans Christian Andersen „Des Kaisers neue Kleider?“

Des „Kaisers neue Kleider“ ist mein absolutes Lieblingsmärchen, weil dieses Märchen so klar und deutlich zeigt, wie Menschen funktionieren. Das Märchen ist vor fast 200 Jahren geschrieben worden und hat immer noch große Gültigkeit. Mein aller erstes Märchen überhaupt, der „Schöne Drache“, handelt von den Auswirkungen von Äußerlichkeiten, von Wahrnehmung. Und Mode ist dafür da, dass ich die Wahrnehmung auf mich ziehe, dass ich dadurch wahrgenommen werde. Ich habe jetzt in letzter Zeit zwar kein Märchen über Mode geschrieben, aber wer weiß… (schmunzelt).

Wenn wir von Wahrnehmung reden, wie wichtig ist der erste Eindruck für Sie, sprich der Anfang eines Märchens?

Sehr wichtig. Genau so wie der erste Eindruck, wenn wir jemanden treffen, wirkt der Beginn eines Märchens, z.B. über die Körpersprache. Im Englischen gibt es dazu ein sehr gutes Wort, das man im Deutschen schlecht übersetzen kann – Vibrations. Da werden Schwingungen ausgesandt, die nicht sichtbar sind, die auch wissenschaftlich nicht messbar, aber da sind. Beim Schreiben sitze ich über den Anfang meistens am allerlängsten. Wie startet man in so eine Geschichte hinein? Zum Glück hat man als Märchenerzähler viele sprachliche Möglichkeiten, Metaphern, und kann sehr viel schon mit dem ersten Satz sagen, was im weiteren Märchen „drinnenstehen wird.“

Mit Sprache, aber auch mit Kleidung hat man viele Möglichkeiten: Mit beiden kann man weglassen, kaschieren, etwas hervorheben, was da vielleicht gar nicht ist, ein Statement setzen, beide sind ein Zeichen der Rebellion, oder sorgen in manchen Momenten für Unverständnis. Welche Rolle nimmt die Sprache in ihrem Schaffen noch ein?

Also ich habe einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Märchenstil kreiert. Ich schreibe hauptsächlich für Erwachsene und versuche Worte anders einzusetzen, sehr poetisch zu sein. Das hat natürlich manchmal die Folge, dass gerade meine Bücher für Kinder oft lieber von Erwachsenen gelesen werden. Kinder wollen eine ganz klare Sprache haben, einfache, kurze, prägnante Sätze. Ich meine aber, dass diese, wie ich sie nenne, Lesefutterliteratur – also Hanni und Nanni etc., das ist keine Literatur für mich. Die Literatur hat viel mit Sprache zu tun. Wie ich Sprache einsetze. Und da sind wir wieder bei der Mode, sie soll Schönheit vermitteln. Lesefutter ist Alltagskleidung, das ist so, als zöge ich mir ein Shirt an und würde losmarschieren. Aber ich versuche, die Poesie durch metaphernreiche Sprache zu transportieren, durch den Zauber der Sprache.

graz5907

© Lumikki Photography

Was bedeutet Schönheit noch für Sie?

Schönheit hat für mich sehr viel mit Ästhetik zutun. Ich möchte mich aber von klassischen Schönheitsbegriffen loslösen.

Die da wären?

Schönheit ist ein sehr relativer Begriff, aus dem Grund versuche ich ihn mit Ästhetik zu verbinden, die klarer definiert werden kann. Eine klare Formensprache entspricht zum Beispiel einer viel allgemein gültigeren Schönheit als eben nur Schönheiten, die der Mode entsprechen, die kommen und gehen und nur von kurzer Dauer sind.

Der Titel ihres Buchs „Wie man in 3 Sekunden glücklich wird“ scheint diese Kurzweil aufzugreifen: Auf der einen Seite wird die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer, auf der anderen Seit boomen Ratgeber für alle Lebenslagen. Reicht so eine kurze Zeit ihrer Meinung nach aus, um glücklich zu werden?

Zum einen ist der Titel eine Provokation, der genau das ansprechen soll, was Sie gerade gesagt haben. Nämlich wir leben in einer Zeit, in der wir in einem Wochenendseminar das große Glück finden wollen. Das ist ein ganz allgemeines gesellschaftliches Zeichen, das zu Denken gibt.

Zum anderen möchte ich Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen: Ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches hat mich ein Redakteur vom Stern kontaktiert, mit der Frage, ob ich seinen Artikel gelesen hätte, was ich verneinte. In seinem Artikel behandelte er die Gegenwart, und dass wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass diese nur 3 Sekunden dauert. Mein Buchtitel sozusagen verrät, wie man mit der Gegenwart glücklich wird. Dass wenn wir im Hier und Jetzt glücklich sind, da wir den Augenblick wahrnehmen, unser Gegenüber, die Natur, ein schöner Designgegenstand, was auch immer. Im Buch versuche ich zu beschreiben, dass das wahre Glück sich darin ausdrückt, dass wir jemanden finden, der uns zuhört.

titel

© Lumikki Photography

Bezogen auf das Storytellingfestival in Graz: Was außer Glück möchten Sie den Märchenerzählern von morgen noch mitgeben?

Das muss man definieren, ob die Erzähler, die auf der Bühne stehen oder die Zuhörer gemeint sind, denn jeder Mensch ist ein Erzähler. Was wir beim Storyfestival versuchen, ist, diese Philosophie zu transportieren, dass die Bühne eigentlich nichts anders als ein Spiegelbild des Alltags ist. Wenn man jetzt das auf die professionellen Erzähler bezieht, sage ich denen immer, nehmt euch nicht zu wichtig. Das gilt genauso für den Schriftsteller, das gilt für den Schauspieler, oder für den Musiker. Viele glauben, dass das was sich da vorne abspielt, das Zentrum der Welt ist in diesem Augenblick. Nein, das Zuhören ist etwas viel größeres. Wenn die Menschen nicht bereit sind, mir zuzuhören, ist das Gespräch nichtig. Es geht um dieses Sich-einlassen. So wie in der Welt der Mode. Auch diese Äußerlichkeit braucht ein Erkennen und Wahrnehmen, um überhaupt zu funktionieren.

Vielen Dank  für das Interview!

Wer nun Lust bekommen hat, sich auf eine märchenhafte Reise zu begeben, der hat die Möglichkeit das „Story Telling Festivals“ in Niederösterreich von 24.05. – 29.05.2016 zu besuchen.

Gute Unterhaltung!

MISSES POPISSES

 


*in freundlicher Zusammenarbeit mit Folke Tegetthoff und Story Telling Festival